
Der Wohnungsneubau in Deutschland bleibt auf niedrigem Niveau. Wenig überraschend bestätigen die neuen Zahlen Prognosen wie die bekannte Pestel-Studie. Während die Anreize und der wohnungsbaupolitische Anschub fehlen, gibt es bei Sanierung und Modernisierung einiges an Potenzial zu aktivieren. Denn der Bedarf ist da, und für vieles gibt es staatliche Zuschüsse oder günstige Finanzierungen. Bisher verließ sich das Handwerk gerne darauf, dass der Bauherr selber solche Chancen erkennt. Wenn das Handwerk in ungewohnter Rolle selbst als Augenöffner aktiv wird und gezielt anbietet, kann es nur gewinnen.
Glaubt man der mittlerweile hinlänglich bekannten Pestel-Studie, werden bis 2025 jährlich etwa 400.000 Wohnungen zu wenig neu gebaut, um den Bedarf zu decken. Nach dem Rekordvolumen von rund 550.000 Wohnungs-Fertigstellungen Mitte der 1990er Jahre wird die Bautätigkeit im laufenden Jahr tatsächlich auf höchstens 150.000 zurückgehen, vermutlich noch weniger.
Für die Politik offensichtlich kein Anlass, zu handeln. Anreize fehlen, die Rahmenbedingungen haben sich in den letzten Jahren für Bauwillige spürbar verschlechtert. Höhere Grunderwerbsteuer, Wegfall der degressiven Abschreibungsmodelle und der Eigenheimzulage, Begrenzung der Verlustrechnung, die Liste ließe sich verlängern.
Verbände fordern die Politik: mit Aussicht?
In dieser Situation formiert sich unter dem Dach der „Initiative Wohnungsbau in Deutschland“ eine ungewohnte Koalition aus dem Hauptverband der Deutschen Bauindustrie (HDB), dem Zentralverband des Baugewerbes (ZDB) und der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) und fordert erhöhte Abschreibungsmöglichkeiten für Bau und Modernisierung von Mietwohnungen und ein groß angelegtes Förderprogramm für Abriss und Neubau von nicht wirtschaftlich sanierbaren Wohnbauten.
Handwerksleistungen sollen einkommensteuermindernd abgesetzt werden können, für die Mehrwertsteuer, die sich seit ihrer Erhöhung stark auf die Baukosten ausgewirkt hat, wird ein ermäßigter Satz als mögliche Maßnahme gefordert.
Ganz unabhängig von der Bewertung solcher Forderungen muss realistisch festgestellt werden, dass die Aussichten auf nennenswerte Änderungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen für Bautätigkeit in absehbarer Zeit eher gering sind.
Zu sehr ist die Flaute am Bau ein Thema mit nachgeordnetem politischen Stellenwert, zu unwahrscheinlich sind marktregulierende Eingriffe vonseiten der neuen Bundesregierung und der Landesregierungen angesichts steigender Mietpreise und Knappheit im Westen und Leerstand im Osten.
Gerade im Westen: trotzdem viel Bedarf an Bauleistungen
Wenig Neubau bedeutet nicht unbedingt wenig Arbeit. Denn der Bedarf ist da, besonders im Westen der Republik. Die generell sinkende Bevölkerungszahl ist hier kein Argument, denn der Westen ist Zuzugsgebiet – anders als große Teile der östlichen Bundesländer, in denen Baubranche und Wohnungswirtschaft dauerhaft mit einem sehr bescheidenen Niveau leben werden müssen.
Wohnungsbestand in der Baualtersklasse 1949 - 1978 (Quelle: Pestel Institut)
Außerdem wandeln sich die Bedürfnisse: Die Zahl der Haushalte wächst, die Zahl der Haushaltsmitglieder nimmt ab. Mehr Wohnfläche pro Person, bessere Ausstattung werden zum Standard. Es gibt also eigentlich viel zu tun.
Fortgeschrittene Bautechnik und gesetzliche Zwänge treiben Hauseigentümer, Wohnungswirtschaft und Besitzer gewerblicher Immobilien in die gleiche Richtung: Weniger Energieverbrauch ist seit Jahren das beherrschende Thema, barrierefreies und seniorengerechtes Bauen und Modernisieren ist ein noch unterbewerteter Aspekt, der mit einiger Sicherheit einen höheren Stellenwert gewinnen wird, etwa im KfW-Programm „Seniorengerechtes Wohnen – Altersgerecht umbauen“.
Die Chance für das Handwerk: mehr Beratung zu Fördermitteln
Auch wenn durch die zahlreichen öffentlichen, zum großen Teil von der KfW aufgelegten Förderprogramme einige grundsätzliche Ungleichgewichtigkeiten nicht aufgehoben werden – etwa im Mietwohnungsbestand der Zwang zu Investitionen in Wärmedämmung und energiesparende Haustechnik, ohne anschließend davon in Form angepasster Einnahmen zu profitieren – bieten diese Programme große und noch zu wenig genutzte Chancen.
Die zur Verfügung stehenden Mittel werden nicht einmal immer abgerufen, die Fördertöpfe sind am Ende des Jahres oft noch gut gefüllt.
Ein Handwerksbetrieb, der aktiv Aufträge sucht, tut gut daran, öffentliche Fördermittel als eigene Akquisehilfe einzusetzen. Es lohnt sich häufig, die Kundenkartei zu durchforsten, um auf Modernisierungsmaßnahmen aufmerksam zu machen und sie mit anzuschieben.
Eine noch bessere Chance ergibt sich, wenn bei der Ausführung von kleineren oder größeren Arbeiten ein Modernisierungs- oder Sanierungs-Check mit angeboten wird, und der Bedarf gleich mit den staatlichen Fördermöglichkeiten dargestellt wird. Auch bei den vergleichsweise großen Summen, die bei Bauarbeiten häufig anfallen, sind Preisermäßigungen ein gutes Argument, auch wenn sie durch öffentliche Leistungen zustande kommen.
Hier kann das Handwerk viel tun. Auch, wenn die Rolle noch ungewohnt ist.
Die Forderungen der „Initiative Wohnungsbau in Deutschland“ für kurzfristige Maßnahmen im Wohnungsbau im Wortlaut:
„Im Rahmen von Neubaumaßnahmen:
Im Rahmen von Bestandsmaßnahmen:
Weitere Informationen bieten die Internetseiten des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie (HDB), des Zentralverbands des Baugewerbes (ZDB) und der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU).
Weiterführende Links:
Hauptverband der Deutschen Bauindustrie (HDB)
Zentralverbands des Baugewerbes (ZDB)