Keramikfliesen im Megaformat

Groß und edel, aber anspruchsvoll

Großformate sind in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes, nicht nur in ihrer Ästhetik, sondern auch technisch. Die Anforderungen an Material und Verarbeitung sind hoch, und nicht alles geht nach Norm: hier geht es immer um Sonderbauweisen.

Vor Ort nur noch Feinarbeiten: Anspruchsvolle Zuschnitte wurden vorher mit einer CNC-gesteuerten Brückensäge ausgeführt.

Hingucker sind sie auf jeden Fall, die Fliesen im XXL-Format mit Kantenlängen bis über drei Meter. Die Rasterung der Flächen durch Fugen tritt völlig in den Hintergrund, Wände und Böden präsentieren sich entschieden anders. Die bekannte Feststellung, dass mit der Auswahl von Fliesenformat, Farbigkeit und Oberflächenfinish die Anmutung eines Raums entscheidend beeinflusst werden kann, gewinnt buchstäblich eine neue Dimension.

Wenn die jüngste Generation extrem großformatiger Fliesen in einem aufwändigen Modernisierungsprojekt in einem 50er-Jahre-Bungalow eine Schlüsselrolle spielen soll, werden die erhöhten Anforderungen besonders deutlich. Das ausführende Unternehmen, Kölking-Wobbe aus dem münsterländischen Raesfeld, erstellte das Gesamtkonzept für das rund 580 qm große Gebäude und hatte am Ende einen noch größeren Auftrag als erwartet: Im Lauf der Arbeiten entdeckte der Bauherr das hochglänzende Feinsteinzeug aus Italien in den Abmessungen 150 x 150 und 150 x 300 cm auch für die Verkleidung von Wannenblock, Waschtischen und Kamintunnel. Am Ende waren 670 qm großformatig verfliest. „Die Arbeiten waren eine echte handwerkliche Herausforderung“, berichtet Fliesenlegermeister Thomas Wobbe. „Aber die Kombination von kreativer Arbeit mit hohen technischen Anforderungen hat eben auch einen besonderen Reiz.“

Die Vorbereitung: Ebenheit nach Norm reicht nicht

Die Ebenheitsanforderungen an den Untergrund nach DIN 18202 sind für die Feinsteinzeug-Fliesen im Überformat nicht ausreichend. Die nach der Norm noch erlaubten Abweichungen sind im ungünstigen Fall groß genug, um das spröde Material Spannungen auszusetzen, die die spezifische Bruchkraft überschreiten. Boden und Wände im vollständig kernsanierten Bungalow mussten daher entsprechend vorbereitet werden.

Handling-Hilfe: Ohne Traggestell mit Hochleistungs-Vakuumsaugern sind die unhandlichen und schweren Großformate nicht sicher zu bewegen.

Der Untergrund, auf dem Boden Calciumsulfatestrich, wurde dann zunächst mit SAKRET Universalgrundierung vorbehandelt, vor allem, um das Saugverhalten dieser feuchteempfindlichen Estrichart günstiger einzustellen. Durch die geringe Fugenfläche des großformatigen Belags kann überschüssiges Anmachwasser aus dem Belagaufbau sonst kritisch werden, zumal sich die Abbindezeit merklich erhöhen kann. Die eigentliche Verfugung sollte daher wenn möglich auch mit einem größeren zeitlichen Abstand als üblich erfolgen, übrigens nach ZDB-Merkblatt mit einer Mindestfugenbreite von 3 mm.

Sonderbauweise mit Entkopplungsbahn

Im nächsten Schritt wurde zur Entkopplung ein Multifunktionsgewebe aufgebracht. Zur Verklebung des Gewebes und auch der Wandfliesen wurde SAKRET Kristallin-Schnellkleber verwendet. Mit der Entkopplung wird der Bodenaufbau zu einer Sonderbauweise jenseits der Norm, allerdings mit guten technischen Gründen. Die Ausdehnungskoeffizienten von Calciumsulfat- und Zementestrichen unterscheiden sich stark von Werten, die keramische Fliesen erreichen. Die exakten Parameter sind immer materialspezifisch, aber die Herstellerempfehlungen lauten selbst für kleinere Großformate in der Regel schon auf eine Entkopplung. Die kann als willkommenen Nebeneffekt eine verbesserte Trittschalldämmung bewirken. Technische Hinweise zur Entkopplung finden sich unter anderem in der entsprechenden ZDB-Fachinformation.

Eine gute Entkopplung ist dort besonders notwendig, wo große Temperaturbandbreiten erwartet werden, also bei Fußbodenheizungen und in Bereichen, die direkter Sonnenstrahlung ausgesetzt werden, wie im Fall des beschriebenen Projektes mit bodentiefen, nach Süden orientierten Fenstern in einigen Räumen. Ebenfalls ein wichtiger Hinweis: Störungen im Spannungsauf- und Abbau durch ungünstige Materialkombinationen, z.B. in Gestalt von lokalen Spachtelmassen, sind unbedingt zu vermeiden. Zu beachten ist auch, dass eine Verlegung im Verband die mechanischen Eigenschaften des Belags noch einmal beeinflussen kann.

Zuschnitt und Handling

Die verlegten Fliesen waren mit 6 mm sehr dünn und spröde, was durchaus typisch ist und bei Zuschnitt und Handling der wertvollen Stücke große Sorgfalt erfordert. Zum Transport und zur Verlegung benutzte Kölking-Wobbe ein eigens angefertigtes Traggestell mit extrem leistungsfähigen Vakuumsaugern. Je nach Einbausituation mussten vier Mitarbeiter mit anfassen, um die Fliesen kontrolliert zu bewegen. Immerhin sorgt ein Feinsteinzeug-Flächengewicht von um die 15 kg/qm bei 6 mm Dicke für ein Gesamtgewicht von bis zu 67 kg bei dem größeren der beiden verlegten Fliesenformate.

Gerade Zuschnitte können auf geeigneten Werktischen nach den gängigen Ritzverfahren durchgeführt werden. Für besondere Konturen-, Rand- und Bogenschnitte steht im Unternehmen eine CNC-Brückensäge zur Verfügung, die ihre Steuerungsparameter direkt aus CAD-Dateien übernehmen kann.

Jede Fliese ein Fall für sich: Positionieren, eindrücken und nivellieren brauchen Zeit und freien Arbeitsraum um jedes einzelne Stück, die verlängerte Offenzeit des Flexklebers hilft.

Verlegung und Nivellierung

Um eine nahezu hohlraumfreie Verlegung und eine vollständige Benetzung der Fliese zu gewährleisten, muss gerade bei Großformaten mit einer Kratzspachtelung auf der Fliesenrückseite bzw. im Buttering-Floating Verfahren gearbeitet werden, wenn eine hohe Verlegesicherheit erreicht werden soll.

Hoch standfeste Fliesenkleber sind bei der Bodenverlegung das Maß der Dinge. Für den Boden kam faserarmierter SAKRET Fließbettmörtel FBM zum Einsatz, der trotz fließfähiger Einstellung und relativ langer Offenzeit bei flächiger Belastung nicht einsinkt. Das Material erfüllt die erhöhten Anforderungen der europäischen DIN EN 12004 C 2E, S1, die Anforderungen der Richtlinie Flexmörtel und ist für alle Beanspruchungsgruppen für hoch belastete Beläge geeignet – für einen langlebigen Bodenaufbau mit Großformaten sind diese Spezifikationen keine Option, sondern eine Voraussetzung.

Feinsteinzeug wird normgerecht mit Maßabweichungen von nur ±0,5 Prozent bei Rechtwinkligkeit und Geradheit der Kanten und Abmessungen gefertigt. Selbst diese geringen Toleranzen können aber zu einem Höhenversatz und ungleichen Fugenbreiten führen, die bei der sehr homogenen Fläche der Großformate auffällt. Bei der Verlegung wurde daher ein Nivelliersystem eingesetzt, das die Kanten benachbarter Fliesen aneinander ausrichtet und fixiert, bis der Kleber vollständig abgebunden hat.

Überhöhte Verlegung in der Dusche

Trotz der Sprödheit des Materials kann sich das verlegte Feinsteinzeug über größere Distanzen durchaus biegen, während es auf kurze Distanzen bei ähnlicher Belastung brechen würde. Diese Eigenschaft muss beim üblichen Einklopfen der Fliesen beachtet werden, weil sie bei zu starkem Druck durchaus eintellern kann. Ein relativ weiches, großflächiges Werkzeug hilft bei gefühlvollem Vorgehen.

Andererseits kann diese Eigenschaft gezielt genutzt werden. Kölking-Wobbe baute in der bodengleichen Dusche eine Überhöhung von einem Zentimeter im mittleren Bereich ein, um das Wasser zu den seitlich angebrachten Rinnen abzuleiten. Die Fliese steht also unter leichter Spannung, was für den Fliesenkleber eine besondere Beanspruchung darstellt.

Als Fazit lässt sich festhalten, das die handwerklichen Anforderungen und die geforderten Materialeigenschaften sich mit dem Großformat deutlich erhöhen. Voraussetzung dafür sind nicht unbedingt Neubau-Bedingungen, sondern eine qualitätvoller Bodenaufbau, der sich auch in Modernisierungsprojekten mit dem nötigen Know-how erstellen lässt. Aber der Aufwand lohnt: Fliesen im XXL-Format wirken im richtigen Raum ungemein edel.

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