Wärmedämm-Verbundsysteme als Sanierungsfall

Maximallösungen sind nicht im Sinn des Bauherrn - und des Handwerks

Viele ältere WDVS müssen saniert werden

Viele ältere WDVS müssen überarbeitet oder saniert werden. Hier entsteht ein absehbar stetig wachsender Markt, in dem noch wenig Erfahrungen vorliegen. Das Handwerk tut aber gut daran, Bauherren nicht immer die Maximallösung bei der WDVS-Sanierung vorzuschlagen. Der bessere Weg: Kunden gewinnen mit nachvollziehbaren und wirtschaftlich interessanten Angeboten, nicht mit einer Leistungsschau der Maximallösungen.

Zur Zeit erreichen die ersten in nennenswerten Mengen auf die Wand gebrachten WDVS ein kritisches Alter. Als guter Geschäftsmann empfiehlt der Handwerker hier gern die große Lösung: Abreißen und ein neues System montieren oder fortschrittlich aufdoppeln. Manchmal sind das tatsächlich die einzigen Lösungen, aber die zahlenden Kunden werden eher überzeugt, wenn auch tragfähige „kleine“ Maßnahmen im Angebot sind. Und das erzeugt am Ende vielleicht einen größeren Kundenstamm und ein gesundes Auftragsvolumen.

Abreißen? Nur im Extremfall!

WDVS der ersten Produktgenerationen entsprechen nicht mehr dem Stand der Technik und fallen bei umfangreicheren Fassadenarbeiten möglicherweise unter das Modernisierungsgebot der EnEV. In anderen Fällen sind alte und sogar jüngere WDVS so geschädigt, dass eine Sanierung unumgänglich ist. Der typische Schadensfall im Endstadium: durchfeuchtete, „abgesoffene“ Dämmplatten durch eindringendes Wasser. Mangelhafter konstruktiver Nässeschutz, besonders an Anschlussstellen und Gebäudeöffnungen gehören zu den wesentlichen Faktoren, aber auch Putz, der durch wasser- und temperaturbedingte Ausdehnungsbewegungen über die Jahre rissig und damit wasserdurchlässig geworden ist – das sind oft normale Alterungserscheinungen, die durch Pflege und wenn nötig Instandsetzung aufgefangen werden können.

Eine vollständige Durchfeuchtung der Dämmplatten ist tatsächlich ein Extremfall, den man nur mit einem Abriss des WDVS begegnen kann. Manchmal angebotene aufwändige Trocknungsmaßnahmen (Freilegung des WDVS zum Trocknen, engmaschiges Einfräsen von Rillen zur Unterstützung der Trocknung) zur überzeugen bisher wenig, weder technisch noch finanziell. Eine grundlegende Durchfeuchtung der Dämmplatten über längere Zeit sorgt auch für eine Durchfeuchtung des dahinter liegenden Mauerwerks. Trocknungszeiten über solche Schichtdicken von Dämmung und Mauer wären immens und schwer zu gewährleisten.

Aufdoppeln? Ja, aber nicht immer!

Ist das Alt-WDVS noch standfest und tragfähig, lohnt sich möglicherweise ein Aufdoppeln. Konstruktive Mängel an kritischen Stellen können im Zug der Arbeiten gleich mit behoben werden, die Fassade erscheint optisch wieder perfekt, und die Wärmedämmwerte können unter guten Bedingungen bis hin zum Passivhausstandard verbessert werden.

Was sich zunächst einmal gut anhört, muss aber auch einer kritischen Kosten-Nutzen-Analyse standhalten. Sicher ergeben sich bei Fassadensanierungen in der Regel die sogenannten „Sowieso-Kosten“, z.B. für das Aufstellen eines Gerüsts. Unter dem Strich wachsen aber die finanziellen Belastungen bei einer WDVS-Aufdoppelung gegenüber einer putztechnischen Sanierung doch deutlich, so dass für den Bauherrn wirtschaftliche Überlegungen schnell im Vordergrund stehen. Ein Handwerksbetrieb, der rein technisch oder mit den vermeintlichen Zwängen der EnEV argumentiert, läuft Gefahr, beim Bauherrn auf Unmut zu treffen –verständlich, wenn beim Kunden der Eindruck entsteht, dass der Handwerksbetrieb nur umsatzträchtige große Lösungen anbieten will. In Zeiten der frei verfügbaren Information im Internet muss jeder Handwerker damit rechnen, dass die Kunden sich sehr schnell online nach Alternativen und Empfehlungen umsehen, die ihnen vielversprechend erscheinen. Ein vorausschauendes Angebot berücksichtigt dieses für viele Handwerksbetriebe noch ungewohnte Informationsumfeld von vornherein.

Nur Putzsanierung? Oft eine gute Alternative!

Für den Bauherrn und auch für das beratende Handwerk ist die Frage, ob bei intakten Dämmplatten, aber sanierungsbedürftigem Putz tatsächlich immer der EnEV-Zwang zur Modernisierung des gesamten WDVS besteht. Bisher viel zu wenig beachtet sind die Passagen der Verordnung, die Ausnahmen von der Modernisierungspflicht erlauben, wenn die nicht wirtschaftlich zu haben ist. Berechnete Amortisationszeiten von manchmal mehr als 20 Jahren machen manches aufwändige Dämmprojekt für Bauherren unter finanziellen Gesichtspunkten zu recht fragwürdig, zumal bei vermieteten Immobilien, bei denen die Kosten nicht ohne weiteres auf die Miete umgelegt werden können, die Vorteile der Energieeinsparung aber vor allem beim Mieter liegen.

Auch wenn Putz Bestandteil eines WDVS ist, gilt: Putz ist zwar bei handwerklich sauberer Ausführung langlebig, aber er wird sich unter Witterungseinfluss immer abnutzen und muss daher in regelmäßigen, wenn auch großen Intervallen renoviert oder saniert werden. Wo man früher wie selbstverständlich nur den Putz auf dem intakten Mauerwerk erneuert hat, steht heute bei einem WDVS auch die Dämmung selber immer zur Debatte. Daran ist nichts falsch, wohl aber an dem gebetsmühlenhaft wiederholten Ergebnis, dass eine bessere Wärmedämmung auch immer die beste Lösung bei einem WDVS-Sanierungsprojekt sein muss.

Fazit für das Handwerk: gerade kleinere Lösungen zeigen Kompetenz

Jeder gute Handwerksbetrieb nimmt für sich in Anspruch, bei der Kundenberatung genau so gut zu sein wie bei der Ausführung der Arbeiten. Seriöse Beratung heißt aber auch, manchmal eine kleinere Lösung zu empfehlen, weil sie wirtschaftlicher ist. Bei der WDVS-Sanierung geht es schnell um ansehnliche Summen, wenn die großen Lösungen Abriss und Neuerstellung oder Aufdopplung zur Debatte stehen. Der am Ende zahlende Kunde ist froh, wenn ihm technisch sinnvolle, von Gesetz und Verordnung erlaubte und wirtschaftliche Alternativen angeboten werden, so dass es echte Entscheidungsmöglichkeiten gibt. Und zufriedene Kunden sind die beste Werbung für jeden Handwerksbetrieb – vor allem, wenn man bedenkt, dass der WDVS-Sanierungsmarkt allein durch den Umfang der installierten Systeme im Bestand eine mehr als interessante Größenordnung erreichen wird.

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