Achtung: bodengleiche Duschsysteme!

Der Fliesenleger in der Mitverantwortung zu den Nachbargewerken

Liegen im Trend: bodengleiche Duschen

Nachdem sie zunächst auf das barrierefreie Bauen zielten, haben sich bodengleiche Duschen in kurzer Zeit eine wachsende Marktstellung im sanitären Ausbau erobert. Zusätzlich zu ihrer funktionalen Besonderheit bieten sie eigenständige Gestaltungsoptionen bei der Konzeption von Badezimmern, wo nun Duschzonen ohne jegliche Abtrennung möglich sind. In der neuen Freiheit drohen aber Tücken für den Fliesenleger, der sich plötzlich in Mitverantwortung zum Sanitärgewerk befindet. Für funktionssichere Ergebnisse und definierte Zuständigkeiten sind Kooperation und klare Absprache mehr denn je erforderlich.

Die Angebote des Sanitärmarktes ermöglichen eine ganze Reihe von Varianten, die von der herkömmlichen "Duschzelle" mit Abtrennungen sowie Tür am bodengleichen Duscheinstieg bis zur räumlich aufgelösten Duschzone reichen. Bei optisch ungestörten Übergängen auf der Bodenfläche zeigt sich der Duschbereich dann lediglich über die sanitären Komponenten der Armaturen und über funktionales Zubehör. Jede Variante stellt unterschiedlichste Anforderungen an die handwerklich-technische und gestalterische Ausführung. Besondere Beachtung verdienen dabei die normativen Ansprüche - zuvorderst die Funktionen Dichtigkeit und Schallschutz, die schon bisher nur im gemeinsamen Verbund der Gewerke Sanitärtechnik und Fliesenleger einwandfrei herzustellen sind.

Die innovativen Duschkonzepte fordern vom Fliesenleger noch mehr gewissenhaftes Mit- und Vorausdenken sowie handwerkliche Sorgfalt bei der Ausführung. Wo bisher definierte Zuständigkeitsgrenzen beim "Heranarbeiten" an die Hoheitszone der Sanitärtechnik galten, ist nun Hinüber- und Hineinarbeiten angesagt. Ein Blick über das Angebot der Duschsysteme verdeutlicht die grundsätzlichen Unterschiede bei der Überschneidung der beiden Nachbargewerke - unabhängig von der nun nahezu frei wählbaren Fläche von individuellen Duschzonen.

Mitverantwortung auch für das Vorgewerk

Man unterscheidet prinzipiell die "Walk In Dusche" und den so genannten "Wetroom". Erstere unterscheidet sich von herkömmlichen Duschen hauptsächlich durch das gleiche Niveau von Duschfläche und Boden. Die Duschfläche selbst kann aus den herkömmlichen Materialien bestehen oder aus Systemelementen, die oberseitig gefliest werden. In der Regel sind Abtrennungen und Türen vorhanden, wobei diese allerdings nicht unbedingt bis zum Boden reichen. Der "Wetroom" hingegen zählt zur freien Raumgestaltung, bei der das Fliesenlegerwerk eine Sonderstellung einnimmt, wenn die Bodenfläche optisch und auch funktional mit dem Duschbereich verschmilzt.

Der Fliesenleger trägt dann eine gehörige Mitverantwortung für die Funktion der Sanitärtechnik, weil außer Ablauf und Rost sämtliche Systemkomponenten unter dem Fliesenbelag verschwinden. Die Dichtigkeit - auch gegen Kriechwasser und Hinterlaufen der Estrichkonstruktion - hängt von einer fehlerfrei ausgeführten Abdichtung der Duschsystemränder und vom exakten und dauerhaft sicheren Andichten der Punktabläufe oder Flachrinnen der inzwischen sehr beliebten Linienentwässerung ab. Beim Übergang von Boden und Duschfläche kommt überdies die Mitverantwortung für den Schallschutz dazu, der nur durch konsequente Trennung des "System-Bauteils" von allen anderen Flächen herzustellen ist. Das dauerelastische Verfüllen der Oberflächen-Randfugen allein reicht dazu nicht aus. Sicherheitshalber empfiehlt sich vor dem Verfliesen der Duschfläche eine gründliche Prüfung des sanitären Aufbaues vor allem an den Übergängen von Boden und Wand. Falls Schallbrücken festgestellt werden, sollte man nicht zögern, schriftlich Bedenken anzumelden und die Fliesenlegerarbeiten bis zur Klärung erst einmal einzustellen. Ist das Duschsystem unter dem Fliesenbelag verschwunden, lässt sich nämlich nicht mehr zerstörungsfrei feststellen, ob die Ursache(n) für Schallbrücken im Belag liegen oder in der Dusch-Systemtechnik. Ärger zwischen den Parteien ist in solchen Fällen garantiert. Dazu drohen Kosten für Nachbesserung und Schadenersatz.

Weiterdenken über den aktuellen Stand hinaus

Die Verquickung der Funktions- und Haftungsverantwortung macht deutlich, dass bei bodengleichen Duschkonstruktionen eine verbindliche Abstimmung der Nachbargewerke vor Ausführung der Fliesenarbeiten unabdingbar ist. Bei hoher räumlicher Flexibilität scheint es außerdem ratsam, über die anstehende "Erstausführung" der Dusche hinaus zu denken. Wo zum Beispiel heute noch eine Duschabtrennung geplant ist, kann dieselbe bereits morgen oder spätestens bei der nächsten Badgestaltung fehlen! Ist dann aber in den Grenz- und Nachbarbereichen des Duschbereiches - egal ob Boden oder Wand - keine Abdichtung unter den Fliesen vorhanden, sind Wasserschäden mit unliebsamen Folgen abzusehen.

Das Thema Abdichtung unter Fliesen erhält bei so viel Gestaltungsfreiheit im wahren Wortsinn einen ganz neuen Stellenwert. Über die leider nicht immer klar definierbaren Konsequenzen müssen sich Fliesenleger bewusst sein. Dabei hat die Medaille zwei Seiten: Einerseits sollte man sich unbedingt durch klare und schriftlich fixierte Absprachen gegen ungerechtfertigte Vorwürfe rechtswirksam absichern, die später meistens lauten "man hätte doch eigentlich daran (gemeint ist alles!) denken müssen". Andererseits kann eine positive Beratungsstrategie unter dem Aspekt des "Bewusst-nach-vorne-Denkens" beim Auftraggeber oder Planer sehr willkommen sein und dazu möglicherweise das bestehende Auftragsvolumen erweitern.

Das Sanitärsystem bestimmt die Abdichtung

Für die konstruktiv-technische Ausführung von bodengleichen Duschen stellt der Sanitärmarkt inzwischen eine ganze Palette von Systemen zur Verfügung. Da gibt es einmal die superflachen Duschwannensysteme, die neben der Sanitärtechnik die notwendigen Höhenausgleichs- und Unterbauelemente sowie die Körperschall entkoppelnden Anschluss- und Dichtungskomponenten enthalten. Der Fliesenbelag muss bis an die niveaugleichen Ränder der "funktionsfertigen" Duschfläche herangeführt werden, wobei unter Berücksichtigung des Ablauf- und Abdichtungssystems und des Oberbaukonzeptes die Linienabdichtung aller Anschlussbereiche zu klären ist. Gegebenenfalls kann eine Flächenabdichtung unter den angrenzenden Bodenflächen notwendig sein. Für die Wände ist eine Flächenabdichtung mit Linienanschluss am Duschrand gemäß den Regelwerken obligatorisch.

Schwieriger ist die handwerkliche sowie die gestalterische Abstimmung bei den vorwiegend modular aufgebauten Systemelementen, die mal mit Punktablauf, mal mit Linienentwässerung ausgestattet sind. Inzwischen geht der Trend zu schmalen Schlitzentwässerungen, die optisch in der Bodenfläche verschwinden. Der Markt bietet aber auch auffällig gestaltete und inzwischen sogar indirekt leuchtende Entwässerungslinien und dem Erfindergeist sind noch lange keine Grenzen gesetzt. Neu im Angebot sind Duschelemente mit Fußbodenheizung. In diesem Fall hat noch ein drittes Gewerk, nämlich der Elektriker, ein Wort zur Konstruktion mitzureden, bevor schließlich alles unter dem Fliesenbelag verschwindet - und dann funktionieren muss: Deshalb der Rat, die Fliesenarbeiten an kritischen Stellen erst dann zu beginnen, wenn das Ergebnis einer Funktionsprüfung durch die Vorgängergewerke vorliegt und zwar sicherheitshalber in schriftlicher Form.

Finger weg von unsicheren Konstruktionen

Wie der Fliesenbelag in der Duschfläche selbst auszuführen ist, bestimmt konstruktiv die Ablauftechnik und gestalterisch der Auftraggeber oder dessen Planer. Bei Punktabläufen muss im Gefälle dorthin mit sauberen Gehrungsschnitten gearbeitet werden, was bei entsprechend ausgeformten Unterbauelementen relativ einfach ist. Schwieriger ist diese Arbeit bei "Bastelsystemen", die dem Fliesenleger nur den Tiefpunkt mit Ablauf und Rost, aber keine Unterbaufläche vorgeben. Von handwerklichen Experimenten ist bei solchen "Individualsystemen" abzuraten, wenn der Fliesenleger für alles außer der "Siphontechnik" die Funktionsverantwortung übernehmen soll.

Bei bodengleichen Duschen mit Linienentwässerung gelten im Prinzip die vorgenannten Bedingungen. Hüten sollte man sich auf jeden Fall vor gestalterisch bedingten Forderungen nach "Nullgefälle", was immer wieder vorkommen soll, weil damit Duschflächen optisch vollends in der Bodenfläche aufgehen. Stehendes Wasser bedeutet normativ allerdings Druckbelastung, wofür Abdichtungen unter Fliesen "in der Regel" nicht ausgelegt sind. Kommt es in einem solchen Fall zum Schaden auch aus ganz anderen Gründen, ist der Fliesenleger erst einmal ganz automatisch Sündenbock und gegebenenfalls auch Zahlemann, weil er bei seiner Arbeit - unterstellt bewusst - gegen die allgemein anerkannten Regeln der Technik gehandelt hat. Mögen sich bodengleiche Duschen auch teilweise bis ins Detail hinein von den konventionellen Konstruktionen unterscheiden: In Bezug auf ihre Funktions- und Nutzungsqualität gelten ohne jede Einschränkung die Normen und Regelwerke und zwar für alle an der Herstellung Beteiligten! Falls es schwierig wird, am Objekt die Verantwortlichkeiten "gewerkebezogen" auseinander zu halten, empfiehlt sich neben der eindeutigen Definition der konstruktiven Zuständigkeiten vorab höchste Sorgfalt bei der Vorbereitung und Ausführung der Arbeiten sowie in jedem Fall eine konkrete Rückversicherung über das weitere Vorgehen beim Auftreten von Unklarheiten.

nach oben
Copyright © 2020 SAKRET