Falsche Signale - Baupolitik ohne Nachhaltigkeit?

Politik und Baubranche

baustoffmarkt 12/2010

Um es gleich vorweg zu sagen: Das ist nicht der übliche Ruf nach der gebenden Hand des Staates. Dennoch: Was sich ab Ende 2009 bis heute an widersprechenden politischen Aussagen angehäuft hat, ist für die Baubranche als Ganzes fatal.

Dass Verkehrs-, Bau- und Städtebaupolitik in einem Ressort zusammengefasst wurde, ist in der Sache erst einmal richtig, denn diese drei Bereiche bilden ursächlich die Infrastruktur unserer "gebauten Umwelt".

Wenn dann aber diese Einheit - wie geschehen - im Sinne von Partikularinteressen wieder ausgehebelt wird, ist weiterhin das beschädigt, was die Baubranche am dringendsten braucht: ein verlässlicher ordnungspolitischer Rahmen.

Politisches Gerangel um energetische Sanierung

Das augenfälligste Gegenbeispiel für eine mittel- wie langfristige baupolitische Perspektive ist das laufende mediale wie politische Gerangel um die energetische Sanierung der Bestandsimmobilien. Hier wurde Deutschland von der Bundesregierung Ende 2009 ohne jede Not in die europäische Vorreiterrolle des (fast) Null-Energie-Hauses manövriert.

Statt der heute üblichen 15 Liter pro Jahr soll ein Haus bis 2050 nur 3,5 Liter Öl-Äquivalent Heizenergie pro Quadratmeter benötigen. Im Neubau technisch sicher machbar aber völlig verfehlt im Bestands- und Altbau. Warum dies so ist, lässt sich in der erst vor kurzem publizierten Studie des Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) nachlesen.

Auf der Grundtage von 200.000 Gebäudedaten wird dort belegt, wie unterschiedlich sich das Ziel der Energieeffizienz nach Baualtersklassen abbildet. Konkret: lm Bestandsbau kann je nach Bautyp immer nur ein "Näherungsoptimum" an Wärmeschutz- und Ausstattungsqualität erreicht werden, wenn diese denn kosten- und sozialverträglich sein soll.

Investitionsbedarf von 2,6 Billionen EUR

Was aber die oben erwähnte europäische Vorgabe des "Null-Emmisionshauses" (die übrigens im Rang einer unverbindlichen Absichtserklärung steht) für die Eigentümer wie Mieter von Bestandsimmobilien bedeuten würde, zeigen Berechnungen der "Bundesvereinigung Spitzenverbände der Immobilienwirtschaft (BSI)". Um ein typisches Mehrfamilienhaus mit 16 Wohneinheiten auf den geforderten Null- Emissionsstandard zu bringen, fielen 680 EUR pro Quadratmeter Wohnfläche an; bei Einfamilienhäusern wären es sogar 750 EUR. Bei etwa 3,5 Milliarden Quadratmetern Wohnfläche bundesweit entstünde aus den Nachrüstverpflichtungen ein Investitionsbedarf von 2,6 Billionen EUR.

Die durch solche horriblen Zahlen entstehende Öffentlichkeitswirkung diskreditiert nun, was in den letzten Jahren unter Stichworten wie Nachhaltigkeit, Lebenszyklus und Ressourcenschonung an positiver Praxis sich im Bestandsbau herausgebildet hat. Dumm nur, dass diese Entwicklung mit dem Bundeshaushalt 2011 weit zurückgefahren wird.

2008 sind für das CO2-Gebäudesanierungsprogramm ca. 1,5 Mrd. EUR an Fördermitteln geflossen. 2009 waren es ca . 2,2 Mrd. EUR. Die damit angestoßenen privaten Investitionen beliefen sich auf ca. 18,34 Mrd. EUR. Dieses gesamte Investitionsvolumen ist die Basis für ca. 300.000 Arbeitsplätze. Und jetzt: Wegen Erfolg geschlossen?

Stattdessen läuft jetzt ein allfälliger Meinungsumschwung, forciert um die Dampfplaudereien über eine Abrissprämie für Altbauten. Hier wird gegeneinander in Stellung gebracht, was für die deutsche Gesamtwirtschaft überlebenswichtig ist: der Alt- und Neubau als Träger für die gesamte gebaute Infrastruktur - ob Verkehrsnetze, Städtebau, Wohn- oder Nichtwohnbau.

Dazu zählt natürlich auch eine entsprechende Neubau- und Ersatzbaupolitik, die nicht in x Millionen Quadratmeter an leer stehenden Büroflächen endet. Oder in Luxusimmobilien des obersten Preis-Segments. Oder in einer Verkehrspolitik, die eine anfängliche gewollte Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene nun wieder in die Straße münden lässt - Stichwort: Gigaliner. Ein weitsichtige Planungs- und Lenkungspolitik sieht jedenfalls anders aus. Ob man da noch hoffen kann?

Dieser Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung der Fachzeitschrift "baustoffmarkt" veröffentlicht (Heft 12/2010).

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