Zukünftige Entwicklungen an der Fassade im Bestandsbau

Der Blick fürs Ganze

Herr Aping, rechnen Sie damit, dass sich die "U-Wert-Olympiade" in der folgenden Energieeinsparverordnung für Bestandsbauten fortsetzen wird?

In Ihrem Wort der U-Wert-Olympiade ist die Kritik bereits enthalten. Während im Neubau prinzipiell ein Maximum an Energieeffizienz umsetzbar ist, sollte im Bestandsbau je nach Bautyp immer nur von einem Näherungsoptimum an die abstrakt rechenbaren Wärmeschutzgrößen ausgegangen werden.

Nur auf diesem Weg sind im Bestand sinnvolle Investitionsgrößen möglich, die für Eigentümer wie Mieter auf Dauer kosten- und sozialverträglich sein können.

Lassen sich höhere Anforderungen nur durch größere Dämmstoffdicken erreichen oder rechnen Sie mit der Entwicklung neuer Dämmstoffe mit geringerem Wärmedurchlasswiderstand? In welcher Produkt-Richtung erwarten Sie hier Fortschritte, in welcher Richtung ist Ihr Unternehmen aktiv?

Der Anblick von "verlorenen" Fensterfronten in Schießschartenoptik ist sicher keine willkommene Referenz für WDVS-gedämmte Gebäude. Zumal diese überproportionalen Dämmstoffdicken auch die weiteren Kosten in die Höhe treiben: Zum Beispiel bei der Dimensionierung der Dachüberstände oder der Fensterbänke. Hinzukommen kommt die Problematik der nötigen Grenzabstände zu Nachbarschaftsgebäuden und dem öffentlichen Raum wie Gehwegen, Plätzen und Straßen. In Summe spricht alles für schlanke Lösungen, wie sie SAKRET mit der Phenolharz-Hartschaumplatte anbietet.

Wird es zukünftig eine Gesamtbewertung von WDVS geben, die nicht nur den Dämmwert, sondern auch andere Nachhaltigkeitskriterien einbezieht, zum Beispiel Rohstoffbasis, Produktionsbedingungen, Langlebigkeit und Entsorgung zum Abschluss des Lebenszyklus?

Eine isolierte Betrachtung von Einzelaspekten ist aus vielen Gründen passé. Wenn Nachhaltigkeit mehr sein soll als ein überstrapaziertes Modewort, kann das Baugeschehen - ob auf der Produkt- oder auf der Prozessebene - nur in seiner Gesamtheit gesehen, verstanden und bewertet werden. Ein Beispiel hierfür ist das SAKRET SanReMo-Programm für Altfassaden. In ihm ist alles als Systemlösung abgebildet, was das hochkomplexe und hochbelastete Bauteil Fassade in seinem Bestand sichert und in seiner Funktion verbessert.

Muss eine automatische Zwangsbelüftung bei nachträglichen Dämmmaßnahmen vorgeschrieben werden, um Feuchtigkeitsprobleme, Schimmelbildung und schlechter Raumluft vorzubeugen?

Ein heikles Thema: Die Anpassung von Technikfunktion und Nutzerverhalten. Dennoch würde ich bei einer Außendämmung generell auf die Lernfähigkeit der Nutzer setzen. Stichwort Behaglichkeit - ein gewichtiges Argument pro nachträgliche Dämmung. Was aber Behaglichkeit als individuelle Empfindungsqualität ausmacht, ist außerordentlich vielfältig: Lichtintensität, Verschattung, Temperierung, Belüftung, Schallschutz etc. Wenn dann nur noch die vorgeschaltete Technik über das "bauphysikalisch richtige" Wohn- und Arbeitsklima entscheidet, kann es bei den Betroffenen zu bekannten Umkehreffekten kommen, dem berühmt-berüchtigten Sick-Building-Syndrom. Bei einer nachträglichen Innendämmung dagegen ist das passende Wärme-/ Feuchtemanagement schwieriger zu regeln, was wiederum für den Einsatz von Lüftungsanlagen spricht.

Werden bei Sanierungen zukünftig auch multifunktionale Fassaden eine größere Rolle spielen, zum Beispiel zur Lüftung, zur Stromerzeugung, zur Kühlung?

Im klassischen Massivbau - ob ein- oder zweischalig - sehe ich diese Entwicklung kaum. Dass von Ihnen angesprochene Thema aber ist sicher dort relevant, wo es eine Trennung von Tragwerk und Fassade gibt - etwa bei Pfosten-Riegel-Konstruktionen oder bei typischen Glasfassaden. Aber eine zusätzliche gebäudetechnische Aufrüstung von Bestandsimmobilien in Massivbauweise wird zu aufwändig und zu ineffektiv sein.

SAKRET hat sein 75. Markenjubiläum: Was bedeutet das für den Markt, für den Kunden?

Für den Erfinder der Werktrockenmörtel ist das sicher eine stolze Zahl. Was für SAKRET heute wie in Zukunft allerdings wichtiger sein wird, ist die sogenannte Prozesskompetenz. Weniger abstrakt ausgedrückt: Wie funktioniert das Bauen in bestimmten Märkten? Erst dann stellt sich für uns die Frage nach der richtigen Technik. Für diese Form der Marktnähe und Marktkenntnis hat SAKRET als europäische Lizenznehmer-Marke sehr gute Voraussetzungen für weitere Markenjubiläen.

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